Montag, 16. Mai 2011

Kampf um Seltene Erden - Hightech-Rohstoffe als Mangelware


Seltene Erden-Oxide
© Peggy Greb / ARS / USDA
Kampf um Seltene Erden
Hightech-Rohstoffe als Mangelware

Sie heißen Neodym, Terbium oder Promethium und gelten als „Treibstoff der Moderne“: Ohne diese Seltenen Erden wäre unsere Hightech-Welt mit Lasern, Flachbildschirmen, Elektromotoren oder LEDs undenkbar. Doch nun werden die wichtigen Rohstoffe knapp, die Industrie schlägt Alarm. 

Seltene Erden haben lange ein „Mauerblümchen-Dasein“ gefristet. Erst in den letzten Jahren sind sie zu einer der begehrtesten Rohstoffgruppen weltweit aufgestiegen – und zu einer der teuersten. Schuld daran ist auch China, das beim Bergbau der Seltenen Erden heute nahezu eine Monopolstellung inne hat und den Handel mit den Metallen nach Belieben kontrolliert. 

Durch immer stärkere Ausfuhrbeschränkungen und steigende Exportzölle sind die insgesamt 17 Metalle der Seltenen Erden mittlerweile zur Mangelware geworden, Lieferengpässe drohen. Politik und Wirtschaft sehen längst die Rohstoffversorgung in Gefahr und befürchten Produktionsausfälle oder dramatische Preissteigerungen bei Hightech-Produkten.

Doch wo findet man Seltene Erden? Was macht sie so einzigartig? In welchen Sparten werden sie eingesetzt? Und noch viel wichtiger: (Wie) kann man die aktuelle Rohstoffkrise in den Griff bekommen und sich aus der Abhängigkeit von China befreien? Antworten auf diese und viele andere Fragen zu den Seltenen Erden finden Sie auf den folgenden Seiten.

Seltene Erden sind „in“
Vom Nobody zum Star

Windkraftanlage © DOE
Kennen Sie Praseodym, Dysprosium und Yttrium? Oder Gadolinium, Lanthan und Promethium? Nein? Kein Problem, denn Sie stehen mit Ihrer Unwissenheit sicher nicht alleine da. Denn außer unter Chemikern, Geowissenschaftlern und einigen Industrieexperten waren alle diese chemischen Elemente noch vor wenigen Jahren so gut wie unbekannt – dabei wurden die meisten bereits im 18. und 19. Jahrhundert von Forschern wie Carl Auer von Welsbach oder Carl Axel Arrhenius entdeckt. 

Garanten der modernen Hightech-Welt
Heute dagegen sind diese Elemente in aller Munde. Wenn auch weniger unter ihren eher kryptischen Einzelnamen als unter der Sammelbezeichnung „Seltene Erden“. Denn egal ob Plasmafernseher, Laser, Rußpartikelfilter oder „smarte“ Bomben: Kaum ein modernes Hightech-Produkt kommt mittlerweile noch ohne Seltene Erden aus. 

Lanthan, Cer, Praseodym, Neodym, Samarium, Europium, Gadolinium
© Tomihahndorf / GFDL
Mal werden nur winzige Mengen von einem der Elemente benötigt, dann wieder einige Kilogramm – zum Beispiel bei Hybrid-Autos - oder wie bei Windrädern gleich mehrere Tonnen. Klar jedoch ist: Ganz ohne diese Rohstoffe gäbe es viele wichtige Katalysatoren, Magnete, Polituren, Keramiken, Leuchtmittel oder Legierungen nicht. 

Seltene Erden: Ein Begriff als Mogelpackung
Doch was sind Seltene Erden eigentlich genau? Und wo werden sie abgebaut? Wenn man versucht eine Antwort auf diese Fragen zu geben wird schnell deutlich, dass die Bezeichnung Seltene Erden eigentlich eine „Mogelpackung“ ist. Denn dabei handelt es sich weder um Raritäten – Edelmetalle wie Gold und Silber sind in der Erdkruste viel seltener zu finden –, noch geht es um verschiedene Varianten von Erde. 

„Die Bezeichnung Seltene Erden ist eigentlich missverständlich, denn sie stammt noch aus der Zeit der Entdeckung dieser Elemente. Sie beruht auf der Tatsache, dass sie zuerst in seltenen Mineralien gefunden und aus diesen in Form ihrer Oxide (früher ‚Erden‘) isoliert wurden“, erklärt das Fachportal Rohstoffwelt auf seiner Website. 

Terbium, Dysprosium, Holmium, Erbium, Thulium, Ytterbium, Lutetium
© Tomihahndorf / GFDL
17 unterschiedliche Metalle
Insgesamt gehören zur Gruppe der Seltenen Erden insgesamt 17 unterschiedliche Metalle, die in der Regel gemeinsam in Erz-Lagerstätten weltweit vorkommen. Geowissenschaftler unterscheiden dabei zwischen so genannten leichten Seltenen Erden wie Cer, Lanthan, Neodym oder Praseodym und schweren Seltenen Erden. Dazu gehören unter anderem Yttrium, Terbium, Dysprosium oder Europium. Während erstere meist in großen Mengen in den Lagerstätten existieren, sind die schweren Seltenen Erden oft nur in minimalen Konzentrationen darin zu finden. 

Hinzu kommt, dass in Erzen wie Monazit und Bastnäsit neben den Seltenen Erden in der Regel auch radioaktive Elemente wie Uran und Thorium auftreten. Dieser ebenso vielseitige wie begehrte und brisante „Rohstoff-Mix“ kann in der Regel nur zusammen abgebaut werden. Waren die Seltenen Erden früher häufig nur ein Abfallprodukt bei der Förderung von Eisen oder anderen Metallen, haben sie diesen Rohstoffen mittlerweile längst den Rang abgelaufen.

„Chinesische Ära“ 
Weltweit führend bei der Förderung und dem Export der Seltenen Erden ist seit einiger Zeit China. Rund 97 Prozent der Rohstoffe werden derzeit im Reich der Mitte gewonnen, der „mickrige“ Rest stammt laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) aus Russland, den USA und Indien. Doch diese „chinesische Ära“ dauert noch gar nicht so lange. Eingeläutet wurde sie erst Mitte der 1990er Jahre…

Alles „made in China“
Beinahe-Monopol innerhalb von 20 Jahren

41° 46′ Nord, 109° 58′ Ost: Die autonome Region Innere Mongolei der Volksrepublik China. Während hier früher der Mongolenherrscher Dschingis Khan sein Unwesen trieb, befindet sich dort heute die lebhafte Millionenstadt Baotou. Nur wenige Kilometer vom Zentrum der Metropole entfernt stößt man auf die Mine Bayan Obo, einer der größten Tagebaue der Welt. Bayan Obo ist aber nicht irgendeine x-beliebige Erz-Lagerstätte, die Mine ist seit einigen Jahren das Herz der Seltene Erden-Produktion im Reich der Mitte – und damit auch weltweit. 

Seltene Erden-Erz
© USGS / Mineral Information Institute / U.S House Subcommittee on Energy and Natural Resources
Minen ohne Ende
Über die Hälfte der globalen Förderung an Neodym, Lanthan & Co stammte laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) 2010 aus Bayan Obo. In den 570 bis 1.000 Millionen Jahre alten Gesteinen aus dem Erdzeitalter des Oberen Proterozoikums lagern bis zu 35 Millionen Tonnen an Seltenen Erden. Zum Vergleich: Im letzten Jahr wurden weltweit gerade mal rund 130.000 Tonnen an Seltenen Erden abgebaut. 

Doch Bayan Obo ist längst nicht Chinas einziges Seltene Erden-Vorkommen. Auch in vielen anderen Provinzen des Landes werden die weltweit begehrten und teuren Rohstoffe in großem Maßstab aus dem Boden geholt. Ein großer Anteil der raren schweren Seltenen Erden stammt dabei aus dem Süden Chinas, wo es neben einigen großen staatlichen Produktionsstätten auch zahlreiche illegale Betriebe gibt. Aus letzteren stammt nach aktuellen Angaben der BGR fast die Hälfte des weltweiten Angebots an schweren Seltenen Erden.

Weltkarte der Seltenen Erden
So weit so gut. Doch warum ist gerade China nahezu Monopolhalter bei der Förderung und beim Export Seltener Erden? Konzentrieren sich in seinen Landesgrenzen alle Lagerstätten für diese Rohstoffe? Ein Blick auf die Weltkarte der Seltenen Erden vermittelt ein anderes Bild. Danach verfügt China zwar über rund 38 Prozent der Reserven, der große Rest ist jedoch in anderen Regionen zu finden. Dazu gehören unter anderem die Staaten der früheren Sowjetunion mit 19 Prozent, die USA mit 13 Prozent sowie Australien und Indien mit fünf bzw. drei Prozent.

Doch wenn nicht die Rohstoffverteilung, was ist dann schuld daran, dass China heute der einzige ernst zu nehmende Global Player in Sachen Seltene Erden ist? Gleich zwei Gründe waren nach Ansicht von Experten für den Siegeszug der chinesischen Rohstoffe in den letzten 20 Jahren entscheidend: Preis-Dumping und gravierende Umweltprobleme beim Abbau und der Aufbereitung der Seltenen Erden. 

So konnte das Niedriglohnland China aufgrund geringer Personal- und Produktionskosten sowie fehlender Umweltauflagen die Rohstoffe ab Anfang der 1990er Jahre viel günstiger und reichhaltiger anbieten als seine Konkurrenten. Es überschwemmte mit seinen Seltenen Erden sogar regelrecht den Weltmarkt. Die Minenbetreiber im Land des damaligen Marktführers USA oder in anderen Ländern hatten das Nachsehen. 

Der Großraum Baotou
© NASA / World Wind
„Drecksarbeit“ für China
Hinzu kam: „Beim Abbau von Seltenen Erden fallen im Bergbau sehr große Mengen an Rückständen an, die giftige Abfälle enthalten. Diese werden in künstlichen Teichen, umgeben von einem Damm, abgelagert. Ein Dammdurchbruch […] kann zu zerstörerischen Umweltauswirkungen mit spezifischen Emissionen von Thorium, Uran, Schwermetallen, Säuren und Fluoriden führen. Darüber hinaus enthalten die meisten Seltenen Erden-Lagerstätten radioaktive Materialien, die Gefahren wie das Austreten von Radioaktivität in den Luft- oder Wasserpfad bergen“, beschreibt das Öko-Institut einige der wichtigsten Gefahren die vom Seltene Erden-Bergbau ausgehen. 

Warum nicht die „Drecksarbeit“ und die Umweltprobleme den Chinesen überlassen? Und stattdessen lieber Rohstoffe aus dem Reich der Mitte zu konkurrenzlos niedrigen Preise einkaufen? Dies dachte sich so mancher Politiker, Unternehmer und Wirtschaftsboss in den Industrieländern und setzte voll auf Chinas Seltene Erden. Dass deshalb fast alle nicht mehr rentabel arbeitenden Minen in den USA, Japan oder Australien schlossen, war ihnen gleich. Dieses „Setzen auf eine einzige Karte“ ging solange gut, bis China anfing, dem Rest der Welt die Daumenschrauben anzusetzen… 

China „bunkert“ Seltene Erden
Industrieländern besorgt über Rohstoffmangel

„Der Nahe Osten hat sein Öl, wir haben die Seltenen Erden“: Dieser Vergleich stammt vom langjährigen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas, Deng Xiaoping. Obwohl er bereits fast 20 Jahre alt ist, wird die Brisanz, die in ihm steckt erst in den letzten Jahren so richtig deutlich.

Seltene Erden-Oxide
© Peggy Greb / ARS / USDA
Denn ähnlich wie die Ölexportierenden Staaten in den Zeiten der Ölkrise 1973 und 1979/80 hat China vor einiger Zeit begonnen, den längst dringend auf die Seltenen Erden angewiesenen Industriestaaten langsam aber sicher den Rohstoff-Hahn abzudrehen. Das Land drosselte die Exporte von noch 65.600 Tonnen im Jahr 2005 auf gerade mal 14.500 Tonnen für das erste Halbjahr 2011. Offiziell aufgrund von Produktionseinschränkungen infolge von neuen, höheren Umweltschutzstandards - und damit die einheimische Industrie selbst ausreichend Seltene Erden zur Verfügung hat. 

Wertschöpfung im eigenen Land halten
Eine wichtige Rolle bei der neuen Strategie spielt wohl aber auch, dass China sein Image als einfacher Rohstofflieferant abstreifen und den Markt für Hochtechnologie vermehrt mit eigenen Produkten erobern will. „Chinas Beschränkungen sind industriepolitisch motiviert. Das Land versucht die Wertschöpfung im eigenen Land zu halten“, sagte denn auch der ehemalige Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Werner Schnappauf im Oktober 2010 in der Welt. 

Die immer weiter sinkenden Exportquoten und stark steigende Exportzölle bei den Rohstoffen „made in China“ haben mittlerweile dazu geführt, dass die Seltenen Erden ebenso rar wie begehrt sind wie nie zuvor. Folge: die Versorgungslage ist auch in Deutschland kritisch. Prognosen zufolge könnten bald bis zu sieben Elemente - Dysprosium, Europium, Lanthan, Neodym, Praseodym, Terbium, Yttrium – nicht mehr im ausreichenden Maße vorhanden sein.

„Seltene Erden sind für die deutsche Wirtschaft mindestens so wichtig wie Erdöl und Erze", sagt der Präsident des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien (Bitkom), August-Wilhelm Scheer. „Die künstliche Verknappung kann zu Preissteigerungen und Lieferengpässen bei stark nachgefragten Geräten führen.“

Preise steigen immer weiter
Und noch eines hat das Rohstoff-Bunkern der Chinesen bewirkt: „Von 2005 bis Mitte 2008 sind die Preise für nahezu alle Seltenen Erden stark, für Terbium sogar sehr stark, gestiegen“, konstatiert Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in einer Studie im April 2011. Nach einer kurzen Preisberuhigung durch die Wirtschaftskrise setzte sich der Trend laut Elsner später weiter fort. 

„Ab dem 3. Quartal 2009 hat ein erneuter starker Preisanstieg eingesetzt, der bis heute unvermindert anhält und sich sogar beschleunigt. Seit Beginn des Jahres 2011 haben die Preise für alle schweren Seltenen Erden schwindelerregende Höhen erreicht, wobei ein Ende dieses Höhenfluges nicht abzusehen ist.“ So kostete etwa das Kilogramm Neodym, das unter anderem in Windkraftanlagen zum Einsatz kommt, Anfang Mai 2011 283 US-Dollar statt 42 Dollar, wie noch vor einem Jahr. Ähnlich sieht es auch bei dem für Raketen und Dauermagneten benötigten Samarium aus. Hier haben sich die Preise sogar nahezu verachtfacht.

Der Hype geht weiter
Hinzu kommt, dass sich der Hype um die Seltenen Erden in den nächsten Jahren vermutlich noch dramatisch steigern wird. Etwa durch den steigenden Absatz an Hightech-Produkten wie Handys, Laser, LEDs oder Energiesparlampen und die Entwicklung immer neuer Anwendungen. So könnte schon bis 2012 die Nachfrage nach Seltenen Erden laut einer BGR-Studie um rund die Hälfte von heute 130.000 Tonnen auf 190.000 Tonnen anwachsen. Marktwert zwei Milliarden US-Dollar – mindestens. Doch woher sollen die zusätzlich benötigten Seltenen Erden kommen? China hat bereits abgewunken.

Neue Minen braucht die Welt
Die Suche nach Alternativen zu Importen aus China

17. Juni 2010, Brüssel. Die EU-Kommission sorgt mit einer Nachricht für Aufregung in der breiten Öffentlichkeit: Laut dem Bericht einer eigens dafür eingesetzten Expertengruppe droht Europa eine gravierende Rohstoffknappheit. 

Germanium
© Gibe / GFDL
Kommissionsvizepräsident Antonio Tajani, zuständig für Unternehmen und Industrie, präsentiert zugleich eine erste Liste „kritischer Rohstoffe“ auf der gleich 14 Namen stehen: Antimon, Beryllium, Kobalt, Flussspat, Gallium, Germanium, Graphit, Indium, Magnesium, Niob, Metalle der Platingruppe, Tantal, Wolfram und - natürlich – die Seltenen Erden. 

Deutsche Rohstoffagentur gegründet
Um die drohenden Engpässe zu verhindern und Versorgungssicherheit für die Industrie zu schaffen, werden in der Folge verschiedene Maßnahmen diskutiert und umgesetzt. So gründet Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle im Oktober 2010 bei seinem Besuch der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) die Deutsche Rohstoffagentur. Sie soll unter anderem die Wirtschaft in Fragen der Verfügbarkeit und aktueller Marktentwicklungen sowie bei der nachhaltigen Nutzung von Rohstoffen unterstützen. 

EU als Seltene Erden-Produzent? 
Es wird Anfang Februar 2011 aber auch eine europäische Rohstoffstrategie vorgestellt, die beispielsweise vorsieht, den Abbau Seltener Erden in Europa massiv voranzutreiben. „Wir wollen das Potenzial finden“, so EU-Industriekommissar Tajani. 

Rund sieben Prozent der weltweiten Vorkommen soll es in der EU geben, etwa in Großbritannien, auf Grönland und sogar in Deutschland. Nahe dem kleinen Ort Storkwitz in Sachsen existiert eine Lagerstätte, die nach Angaben von Geowissenschaftlern möglicherweise über 41.000 Tonnen Seltene Erden enthalten soll. Eine Gewinnung ist dort zurzeit aber noch nicht einmal ansatzweise absehbar. 

Mountain Pass-Mine
© AlanM1 / CC BY 3.0
Die Hatz nach neuen Minen 
Doch nicht nur in der EU auch in Russland, in den USA, Kanada, Australien und vielen anderen Ländern der Erde versucht man zurzeit händeringend neue Seltene Erden-Minen aus dem Boden zu stampfen - oder aufgegebene zu reaktivieren. So wird beispielsweise im US Bundesstaat Kalifornien die Mountain Pass–Mine mit Investitionen von rund einer halben Milliarde Dollar wieder auf Vordermann gebracht. Sie soll vielleicht schon ab 2012 rund 18.000 Tonnen Seltene Erdoxide (SEO) liefern. 

Pleiten, Pech und Pannen
Viele Projekte, wenige Hoffnungsträger

Rund 270 Seltene Erden (SE)-Projekte sind weltweit zurzeit in Planung oder im Bau. Ob diese alle jedoch irgendwann größere Mengen an Terbium, Yttrium oder Lanthan liefern werden, ist heute noch mehr als unklar. 

Terbium
© http://images-of-elements.com / CC BY 1.0
Dazu Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in einer Studie aus dem Jahr 2011: „Trotz anderweitiger Beteuerungen der jeweiligen Lizenzinhaber werden hiervon sicherlich nur ein sehr geringer Anteil, geschätzt fünf Prozent, jemals in Produktion gehen. Die wichtigsten Gründe hierfür liegen im Fehlen strategischer Investoren, im fehlenden Knowhow der hydrometallurgischen Aufbereitung der SE-Minerale sowie auch in der irgendwann einsetzenden Übersättigung des Marktes für leichte SE.“

Vom Hoffnungsträger zum Problemfall
Wie schnell aus einem Hoffnungsträger ein Problemfall werden kann, hat zuletzt ein australisches Projekt gezeigt. Im Bundesstaat Western Australia sollte in der Mount Weld Mine eigentlich noch im Jahr 2011 mit dem Abbau der insgesamt 1,4 Millionen Tonnen Seltene Erden begonnen werden. Doch nun droht dem ohnehin unter Finanzproblemen leidenden Besitzer Lynas – zwischenzeitlich war sogar der Einstieg chinesischer Investoren im Gespräch – ein herber Rückschlag.

Kuantan Beach
© Paulwee / CC BY 1.0
Denn vor allem die Weiterverarbeitung der in Mount Weld gewonnenen Rohstoffe steht mittlerweile in den Sternen. Diese sollte eigentlich ab Herbst 2011 rund 4.000 Kilometer weit entfernt in Malaysia losgehen. Dort entsteht zurzeit nahe der Großstadt Kuantan die größte Seltene Erden-Raffinerie der Welt. Allerdings verzögern die Behörden zurzeit die Erteilung der Betriebserlaubnis – unter anderem weil es öffentliche Sorge über die natürlich vorkommende, niedrig-dosierte radioaktive Kontamination des Erzes gibt, das in Australien abgebaut wird. 

Sechs Monate Verzug? 
Raja Dato Abdul Aziz bin Raja Adnan, der Generaldirektor des malayaischen Atomenergie-Kontrollgremiums erklärte im Mai 2011, dass das Gremium die Lynas Corporation gebeten hat, zusätzliche Unterlagen vorzulegen, bevor der Antrag auf eine Betriebserlaubnis akzeptiert werden kann. Um den Antrag zu prüfen werde es sechs Monate dauern, so Raja Adnan. Lynas dürfe keinerlei Rohmaterial in die Anlage bringen, bevor nicht die Erlaubnis erteilt worden ist.

Hintergrund der Entscheidung sind wohl vor allem die massiven Proteste von Gegnern des Projektes in Malaysia. Sie fürchten in Zusammenhang mit der neuen Fabrik eine ähnliche ökologische und humanitäre Katastrophe wie vor 20 Jahren. Damals hatte Mitsubishi in einem abgelegenen Gebiet des Landes ebenfalls jahrelang eine Seltene Erden-Raffinerie betrieben, die gewaltige Mengen an radioaktivem Abfall produzierte. Die Folge: verseuchte Böden, kontamiertes Wasser und unter anderem ungewöhnlich viele Krebsfälle in der betroffenen Region. Die Reinigungs-und Dekontaminations-Maßnahmen vor Ort sind noch immer nicht endgültig abgeschlossen.

Doch warum soll die Seltene Erden-Fabrik überhaupt in Malaysia gebaut werden und nicht direkt in Australien? Dann könnte man sich doch den mühsamen und teuren Transport der Rohstoffe sparen. Lynas argumentiert in erster Linie mit geringeren Kosten beim Bau und Betrieb der Anlage in Malaysia. Der wahre Grund ist jedoch ein anderer: In Australien existiert eine einflussreiche grüne Partei, die aufgrund der Umweltgefahren gegen das Projekt Sturm gelaufen wäre und seine Durchsetzung vermutlich verhindert hätte.

Abhängigkeit von China bleibt bestehen
Fazit: Trotz des internationalen Kraftakts den Abbau von Seltenen Erden außerhalb Chinas (wieder) ins Rollen zu bringen, ist noch kein durchschlagender Erfolg bei der Rohstoffgewinnung in Sicht. Die Abhängigkeit von chinesischen Exporten wird wohl zumindest noch einige Jahre bestehen bleiben – es sei denn man findet kurzfristig Möglichkeiten Seltene Erden zu recyceln oder in den Produkten zu ersetzen.

Recycling ist (noch) keine Lösung
Abhängigkeit von China bleibt bestehen

Neue oder reaktivierte Minen weltweit können erst mittel- oder langfristig eine nennenswerte Entspannung auf dem Weltmarkt für Seltene Erden bringen. Doch gibt es vielleicht andere Möglichkeiten oder Strategien, die schneller die Rohstoffsicherheit wiederherstellen? Recycling etwa? 

Elektroschrott
© Volker Thies/CC-by-sa 3.0
Technik noch längst nicht ausgereift
Klar ist, dass die Methoden zur Wiedergewinnung von Neodym, Europium oder Yttrium aus Elektroschrott– wenn überhaupt vorhanden – noch in den Kinderschuhen stecken. Trotzdem wird unter anderem in Deutschland, den USA oder Japan intensiv daran geforscht. 

Das Öko-Institut hat sogar in einer Studie im Auftrag der Fraktion „Die Grünen/Europäische Freie Allianz“ im Januar 2011 einen ausführlichen Acht-Punkte-Plan für ein effizientes Seltene Erden-Recycling vorgestellt. 

Dieser umfasst unter anderem den Aufbau eines „Europäischen Seltene-Erden-Kompetenz-Netzwerks“ oder die Identifizierung von Pilotprodukten und die Entwicklung von Pilot-Recycling-Anlagen. Aber auch das Durchführen von Forschungsvorhaben, das Installieren eines Sammel- und Vorbehandlungssystems sowie das Schaffen der notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen gehören danach zu den vordringlichsten Aufgaben in Sachen Recycling.

System in fünf bis zehn Jahren einsatzbereit? 
In fünf bis zehn Jahren, so die Einschätzung des Öko-Institutes könnte das Recycling-System einsatzbereit sein – zumindest wenn der Startschuss dafür umgehend gegeben wird. Die Vorteile liegen auf der Hand. So würde Deutschland bei den Seltenen Erden unabhängiger von chinesischen Exporten, da zumindest die Sekundärproduktion in Europa stattfinden würde. Ein weiterer Vorteil: Beim Recycling würden keine gefährlichen radioaktiven Abfälle anfallen.

Superreines Neodym unter Argon
© http://images-of-elements.com / CC BY 1.0
Weniger optimistisch als die Studie des Öko-Instituts ist jedoch der Rohstoffexperte Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. In der Online-Ausgabe von „Der Aktionär“ kommt er zu dem Schluss: „Recycling ist aber in vielen Bereichen nicht möglich. Denken Sie nur an Autokatalysatoren oder Gläser. Die Stoffe sind zu dissipativ verteilt. Die Magnete, in denen große Mengen Seltene Erden verarbeitet sind, befinden sich in Windkraftanlagen und zukünftig in Hybridautos. Die Windkraftanlagen befinden sich fast alle noch in Betrieb.“ 

Rohstoffexperte: zehn Prozent sind das Maximum
Und weiter: „Aktuell wird die Quote in Deutschland von Recycling an Seltenen Erden auf ungefähr ein Prozent geschätzt. Optimistische Vorhersagen gehen davon aus, dass sie in einigen Jahren bis auf zehn Prozent steigen kann. Das heißt 90 Prozent müssen immer noch als Primärmaterial gewonnen werden.“

Es sei denn es gelingt, Neodym & Co in vielen Produkten durch andere Materialien zu ersetzen. Große Hoffnung, dass dies nicht nur schnell, sondern auch in großem Umfang gelingen könnte, gibt es momentan allerdings nicht. 

Rheinwasser mit Seltener Erde kontaminiert
Umweltprobleme auch in Deutschland

„Seltene Erden brauchen wir heute, um mit energiesparender Beleuchtung, Katalysatoren und Elektrofahrzeugen in eine grüne Zukunft zu starten. Dabei müssen wir jedoch jetzt darauf achten, dass sie aus einer nachhaltigen Produktionskette stammen. Hierbei spielen neben einem umweltfreundlichen Bergbau die effiziente Gewinnung und Nutzung der seltenen Erden eine große Rolle. Hier sieht das Öko-Institut noch viel Spielraum für eine Optimierung“: Dies sagte Doris Schüler vom Öko-Institut Ende Januar 2011. 

Rhein bei Duisburg
© Stadt Duisburg
Wie recht sie damit hat – vor allem was die Verarbeitung der Seltenen Erden betrifft - zeigt jetzt ein Beispiel aus Deutschland. Betroffen ist der Rhein, genauer gesagt, der Flussabschnitt von Worms bis hin zur Mündung in der Nordsee. 

Massive Kontamination des Rheinwassers
Wissenschaftler um Michael Bau und Serkan Kulaksiz von der Jacobs Universität Bremen haben dort eine erhebliche Gewässerverseuchung mit der Seltenen Erde Lanthan enthüllt. Wie sie in der Umwelt-Fachzeitschrift „Environment International“ berichten, lagen die ermittelten Konzentrationen etwa in der Region Mainz bis zum 46-fachen über den natürlichen Werten. Im Bereich Bonn-Leverkusen-Neuss stellten die Geochemiker immerhin noch das 25-fache der normalen Verunreinigung fest.

Lanthan
© Tomihahndorf / GFDL
Panne bei der Katalysator-Produktion? 
Doch warum ist gerade dieser Flussabschnitt von der Kontamination so massiv betroffen? Diese Frage ist bisher noch nicht endgültig geklärt. Es gibt aber durchaus Indizien dafür, woher das Lanthan stammen könnte. So werden in einem Wormser Werk in großem Maßstab Katalysatoren für Erdölraffinerien produziert. Dabei ist die Seltene Erde unentbehrlich. Das Lanthan, das ansonsten weltweit in Akkus für Elektroautos, Brennstoffzellen oder Rußpartikelfiltern zum Einsatz kommt, könnte dort demnach über das Industrieabwasser in den Rhein gelangt sein.

Zumindest ansatzweise bekannt ist mittlerweile, wie viel Lanthan der Fluss auf diese Weise kontinuierlich Richtung Nordsee transportiert: 1,5 Tonnen - pro Jahr. So lauten jedenfalls die ersten, allerdings noch unbestätigten Schätzungen von Bau und Kulaksiz.

(Keine) Gefahr durch Seltene Erde? 
Doch wie gefährlich ist das Lanthan im Rheinwasser für Mensch und Natur? Das erste Fazit der Wissenschaftler fällt bei diesem Thema eher zwiespältig aus: „Während die im Rheinwasser auftretenden Lanthanmengen als gesundheitlich unbedenklich gelten, liegen die extrem hohen Konzentrationen von bis zu 49 Milligramm pro Kilogramm Lanthan, die an der Einleitungsstelle gemessen wurden, oberhalb der Werte, für die bereits ökotoxikologische Effekte beobachtet wurden.“ 

Wie lange das Lanthan schon in den Rhein strömt, und ob es bereits konkrete Schäden etwa im Bereich der Rheinökosysteme in der Region Worms verursacht hat, ist zurzeit aber noch unklar. Mindestens ebenso wichtig, wie die Folgen der Lanthanverseuchung zu erforschen, ist ohnehin die Quelle für die Verunreinigung zweifelsfrei zu identifizieren und zu schließen…

(Dieter Lohmann, 13.05.2011)


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